02. Mai 2011 - Erwachsen sein
Manchmal denke ich, es wäre schön, wieder ein Kind zu sein. In den Kindergarten gehen und den ganzen Tag mit anderen Kindern spielen. Oh ja … das wärs. Jemand anderer würde für mich entscheiden, wann ich essen und schlafen soll, und ich hätte 0 Sorgen, 0 Risiko, 0 Druck, 0 Verantwortung und 0 Erfahrung. Schön. Ich glaube, ich gründe einen „Erwachsenengarten“. Dort trifft man sich dann und spielt, singt, bastelt und isst sein mitgebrachtes Znüni mit den anderen. Wahrscheinlich gibts das schon und nennt sich wohl Yoga, experimentelles Musizieren und intuitive Malerei. Aber ein schöner Gedanke, ich verwerfe ihn noch nicht definitiv.
All die kindlichen Tätigkeiten gehen im Alter komplett verloren (und ehrlich gesagt, wer diese Tätigkeiten nicht abgelegt hat, wird meist als irr betitelt, naja). Wer im Tram singt: wird schräg angeschaut, wer auf der Strasse hüpft: dem blicken die Leute hinterher, wer grundlos vor sich hin kichert: den treffen rollende Augen. Erwachsensein bedeutet, sich in die lautlose, langweilige und in eine Richtung strömende Gesellschaft einzuordnen (ja ich weiss, es ist nicht alles so schwarz, wie ich es immer in Worten ausdrücke), aber trotzdem hüpfe ich manchmal durch die Gegend, singe oder pfeife einfach so und lache, wenn mir danach ist; es kann doch nicht so schlimm sein, seiner Freude freien Lauf zu lassen.
Eine gute Sache hat das Erwachsensein aber doch: Man kann sich gründlich den Appetit verderben. Ich finde es herrlich, vor dem Essen eine Packung Chips oder noch besser ein paar Schöggeli zu essen. Einfach so, weil ich es kann. Oder auch Messerabschlecken, Füsse auf den Tisch stellen, Schuhe nicht ausziehen, aus der Flasche trinken, einen Schluck Rahm nehmen (oh, das schmeckt super, schon mal probiert?), im Bett essen oder ganz toll ist auch auf dem Bett hüpfen. Mich machen solche Dinge glücklich, einfach, weil ich es darf und kann.
Apropos Kindheit: Warum macht eigentlich Zugfahren nur Spass, wenn ein Picknick im Gepäck dabei ist? Ist es die Erinnerung an frühere Klassenfahrten? Auch heute noch, wenn ich mit dem Zug reise, rechne ich Zeit ein, um mir vorher ein Picknick zu kaufen. Leider ist da aber meistens niemand, mit dem ich die Leckereien teilen kann. Das wäre doch wundervoll. M&M’s, Gummibärchen und Chips für alle. Was ist eigentlich der Singular von Chips: Ein Chip? Schräg.
Apropos Singular. Ich habe eine Freundin, die besitzt tatsächlich nur eine Handtasche. Ehrlich. So etwas gibts. Was es allerdings auch gibt, sind Frauen mit 100 Taschen. Ich bin knapper Durchschnitt – denke ich/rede ich mir ein. Ich habe – nur für Sie! – meine Handtaschen gezählt. Ich besitze 43 Handtaschen. Durchschnitt, oder, liebe Frauen?
Naja, diese Kolumne, dieser Platzfüller und Auflockerungstext soll ja nicht nur für Frauen sein: Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass 50% der Leute am Bahnhof immer rennen? Oder dass Menschen mit Maschinen unter dem Allerwertesten zum Tier werden? Oder dass wir rund um die Uhr mit mehr schlechtem als rechtem Essensangebot bombardiert werden? Oder dass es mehr als eine Billion Schreibstifte auf der Welt gibt und nie einer da ist, wenn man ihn braucht?
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An-Zoe von Ranz
