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Warum Basel eben doch eine Weltstadt ist



Raphael Wyniger, 18. August 2010


Oft wird sie belächelt, unsere Stadt. In Bern nimmt man uns nicht ernst. Ja, mehr noch: Mann und Frau verweigert der zweitgrössten Wirtschaftsregion der Schweiz sogar seit Jahren einen Bundesrat. Zürcher betrachten uns als Provinz. Und sogar wir Basler selbst pflegen unser Image als Kleinstadt, oft ohne das durchaus berechtigte Selbstbewusstsein. Unsere Marketingorganisationen bezeichnen die Stadt in ihren Werbekampagnen sogar als «Weltstadt im Taschenformat». Es fehlt uns, vielleicht auch aufgrund der Aussensicht, an Selbstverstrauen.

Ich sehe dies anders. Besonders in der letzten Zeit. Ich habe nun definitiv festgestellt, was ich irgendwie – besonders während der Art Basel oder der BASEL WORLD – immer gespürt habe: Basel ist eine Weltstadt.

Warum? Nun: Ich laufe gerne. Oft am morgen, wenn die Stadt noch schläft. Einer der Vortei-le als «Baizer». Am Morgen hat man Zeit. Und so schnüre ich mir die Jogging-Schuhe und laufe los. Meine Route führt mich vom Teufelhof über die mittlere Brücke an den Rhein. Ich geniesse die Sicht auf den Fluss und die mittelalterliche Kulisse. Oftmals entdecke ich ein Frachtschiff, welches gemächlich den Rhein hinauf tuckert. Ich stelle fest, hier kommen Güter für die ganze Schweiz an. Es sieht richtig international aus.

Entlang des Rheins laufe ich dann in Richtung Dreiländereck. Vorbei an Wohnsiedlungen, direkt in den Hafen. Vorbei an der Kaserne, am wunderschönen Rheinufer. Am Hafen sind grosse Tanksilos, unübersehbare Hafeninfrastruktur, die vielen Frachtschiffe und der Rangierbahnhof mit teilweise stillgelegten Geleisen. Die Urbanität ist spürbar. Ich fühle mich wie Rocky Balboa in seinen Filmen. Training in einer urbanen Umgebung.

Vorbei an der Industrie lande ich – nachdem ich die Kulturbetriebe „Das Schiff“ und „Brasilea“ passiert habe – am Dreiländereck. Das Monument, welches den Ort kennzeichnet, ist zugegebenermassen unscheinbar und vielleicht sogar hässlich. Doch ich passiere einen speziellen Ort. Nur in unserer Stadt treffen diese drei Länder aufeinander. Deutschland, Frankreich und die Schweiz. Und meine nächste Station ist Deutschland. Vorbei an grossen Industrie- und Hafenanlagen passiere ich die Autobahn und treffe in Deutschland ein. Die Zollkontrolle passiere ich unkontrolliert – natürlich, auch wir haben es nach Schengen geschafft. Und die Welt ist anders. Ich BIN nicht nur in Deutschland: Man spürt Deutschland. Die Strassenschilder sind gelb, die Autonummern authentisch, die Architektur irgendwie anders. Deutschland halt, so wie ich es mir vorstelle. Der Lauf ist jedoch kurz. Schon bald passiere ich die neue Brücke über den Rhein nach Frankreich.

Ich wähne mich sofort nach der Ankunft erneut in einem anderen Land. Und zwar so abrupt, man erschrickt direkt! Es ist wie in einem französischen Vorort. Klar: Man spricht französisch hier. Und dementsprechend ist alles angeschrieben. Ich höre den Menschen zu, sie sprechen eine andere Sprache. Die Architektur ist – an hässliche und verarmte Vororte aus den französischen Filmen erinnernd – eben französisch. Und das kleine Bistro lockt nur schon mit dem Gedanken an frische Croissants.

Und alles wird – irgendwie nicht überraschend – komplizierter. Nachdem ich bis anhin die ganze Strecke direkt am Rhein zurückgelegt habe, ist dies nun nicht mehr möglich. Der Rhein, oder besser, das Rheinufer ist gesperrt für Fussgänger oder Jogger, was ich ja bin. Und deshalb muss ich ausweichen. Auf Industriestrassen. Vorbei an den Weltkonzernen BASF und Novartis. Riesige Gebäude, tausende von Arbeitsplätzen. Und lande wieder an der Schweizergrenze.
 
Doch auch hier: Industrie, so weit das Auge reicht. Baustellen von unerhörtem Ausmass. Der Novartis-Campus in seinem vollen Glanz. Architektonische High-lights wie das Frank O. Gehry-Gebäude, von welchem man einen Blick erhaschen kann. Der morgendliche Verkehr rollt über die Dreirosenbrücke. Deutsche, Franzosen, Schweizer. Tausende Autos, nur eine Griffweite von mir entfernt. Es ist urban. International. Und unglaublich faszinierend. Endlich wieder am Rhein, treffe ich am Hafen St. Johann ein. Gerade entsteigt eine amerikanische Reisegruppe einem der Rheinschiffe, vom Norden her kom-mend, und begibt sich auf einen Ausflug in die Schweiz.

Es wird idyllisch. Am Ufer des Rheins in Richtung mittlere Brücke. Vorbei an den Büros der lokalen Stararchitekten Herzog & de Meuron. Dort angekommen, verlangsame ich das Tempo und stoppe dann vor dem Hotel Les Trois Rois. Schnaufe aus und denke: wow! Was für eine Urbanität, was für eine mittelalterliche Schönheit, was für eine Industrie, was für eine Vielseitigkeit! Und das inner-halb von nur einer Stunde Jogging. Da wird mir jedes Mal aufs Neue bewusst: Basel ist eine Weltstadt. Vergessen wir das Taschenformat. Seien wir stolz auf unsere Region. Denn was wir hier haben, ist einzigartig. Und liebenswert.