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Weingedanken



Raphael Wyniger, 14. November 2010


Pro Tag darf ich mich rund eine Stunde mit dem schönen Thema Wein befassen. Ich lese viel darüber, probiere Weine von bisher unbekannten Produzenten, plane Weinkarten, mache Weinempfehlungen für Menuvorschläge, fülle das Lager auf oder denke einfach über Wein nach. Und letzthin habe ich länger über den Wein nachgedacht, als ich mich wirklich damit beschäftigt habe. Bei einem Glas Wein natürlich.

Einem wunderschönen Chianti Riserva von der Fattoria Nittardi aus der Toskana. Ich würde ihn folgendermassen beschreiben: Die Farbe ist ein warmes und kräftiges Rot. In der Nase rieche ich Kirschen, Beeren und schön eingebundene Holznoten. Im Geschmack ist er warm, vollmundig, mit viel Schmelz. Meiner Meinung nach ein ungemein eleganter und ausgewogener Tropfen, der mir einfach schmeckt.

Sie finden, dies töne abgehoben, gar weit hergeholt, irgendwie unnatürlich? Na, dann vielen Dank auch. Nun, wenn ich diesen Beschrieb vergleiche mit dem, was ich teilweise zu lesen und zu hören bekomme, dann ist meine Weinbeschreibung wirklich einfach. Simpel sogar. Bin ich deshalb kein Weinkenner?

Nun: Ich versuche bei meiner Arbeit jeweils, einfach zu bleiben. Denn Wein ist eigentlich etwas ganz Einfaches, Alltägliches sogar. Auch finde ich, man müsse ihn nicht mit Attributen umschreiben können, dass es eher nach Poesie tönt als nach einem lukullischen Genuss. Ich finde, ein Wein «legt» einem die richtigen Worte oft einfach in den Mund. So finde ich den Chianti tatsächlich warm, vollmundig und ausgewogen. Man sollte einfach nicht zwanghaft nach Attributen und «Spinnereien» suchen und künstlich einen philosophischen Ansatz wählen, der dann noch für allgemein gültig erklärt wird. Denn in meinen Ohren tönt dies dann vor allem auswendig gelernt, oder einfach zwanghaft und wenig glaubwürdig. Denn Wein ist Wein, ein Getränk, das Freude machen soll.

Ich finde, Philipp Schwander, der einzige Master of Wine der Schweiz, hat das Thema Wein wunderschön auf den Punkt gebracht. Er hat letzthin in einem Interview in der Zeitschrift Vinum auf die Frage, ob Wein trivial sei, gesagt: «Genau. Wein ist völlig trivial. Es geht um sinnlichen Genuss. Diesen wahnsinnig ernsthaften Weinfreaks, die zur Verkostung am liebsten noch die Neunte von Beethoven spielen würden, sage ich immer: Ganz ruhig, Leute, bloss keine Panik: Wir trinken nur Wein.» Wunderschön gesagt, dem bleibt nur noch wenig hinzuzufügen.

Und doch: Es gibt Momente, da finde ich es durchaus angebracht, dass man auch abschweifen darf. Denn: Ein verköstigter Wein kann vielleicht tatsächlich an «den vergangenen Herbstmorgen nach einer verregneten Nacht auf dem Lande» schmecken. Und wenn dies so ist, dann ist dies zumindest für den Beschreiber so. Und somit ganz individuell und sicher nicht allgemein gültig. Denn für mich ist der Wein ein persönliches Erlebnis, der für jeden einzelnen anders schmeckt. Somit dürfen diese Phantasien dann auch für sich selbst behalten werden.

Natürlich gibt es Regeln, insbesondere dafür, wie man Wein zum Essen kombinieren soll. Und diese sollte man dann jeweils schon anwenden. Doch beim Beschreiben, da finde ich, es sei der beste Weg, einfach zu sagen, was einem in den Sinn kommt, ohne Hemmungen. Denn dieser Beschrieb ist einem eben vom Wein in den «Mund gelegt» worden und zumindest für einem persönlich richtig. Und wenn der Wein schmeckt, dann finde ich es viel schöner, ihn zu trinken, als ihn zu beschreiben. Kurz: einfach Freude daran zu haben. Denn Wein ist etwas vom Schönsten, was es gibt. Ein köstliches, von Menschenhand positiv geprägtes Naturprodukt. Zum Wohl!

Mein Weintipp für die kalte Jahreszeit: 

Nectar Dei 2005 - Fattoria Nittardi, Toscana
Produzent: Das neue Gut von Nittardi in der-
Maremma sorgt für grösste Anerkennung
Provenienz: Toscana (Maremma)
Rebsorte: Cabernet-Sauvignon, Merlot, Syrah,
mit einem kleinen Anteil von alten, autochonen Rebsorten
Aussehen: dunkles Rubinrot
Nase: grosse Fruchtigkeit von dunklen Beeren, Lakritze und Schokolade
Gaumen: vollmundig, mächtig, komplex, lang anhaltend
Begleitet: rotes Fleisch (costata alla fiorentina), schwarze Trüffel, Wild
Erhältlich: im Teufelhof