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Die Dinge beim Namen nennen



Raphael Wyniger, 28. Juni 2010

Von meiner Tochter Lisa lerne ich, die Dinge beim Namen zu nennen. Irgendwie scheinen wir Menschen diese Eigenschaft ganz natürlich in uns zu haben. Denn Lisa kann das, und tut es immer wieder. Aber wir Schweizer neigen dazu, diese Eigenschaft zu verlieren. Und so geniesse ich die Ehrlichkeit meiner Tochter. Auch weil sie die Dinge beim Namen nennt, selbst wenn sie den Namen nicht kennt. Und so nennt sie dieses Ding im Bild also Schoppen und das Ding, an welchem der Schoppen gehalten werden kann, heisst halt Ding. Ich nenne es auch so, denn wie dieses Ding nun wirklich heisst, dass weiss auch ich nicht. Neulich im Tram sagte sie: Warum schreit der Mann so laut (er hat telefoniert, und dann aber leiser weiter gesprochen)? Lisa war ganz zufrieden mit sich. Und das hat mir imponiert. Somit habe ich mir fest vorgenommen, von nun an die Dinge beim Namen zu nennen. Und beginne gleich jetzt:

Der Bundesrat ist ein lächerliches Kasperltheater. Oh – das tut gut! Machen wir weiter: Warum höre ich von verschiedenen Verbänden oder Partnern nur dann etwas, wenn ich die Rechnung erhalte oder einen Gefallen erfüllen soll? Der Hitzfeld hat an dieser WM alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Er hat zwar Spanien geschlagen, dann aber Frei und Behrami gebracht, dies mit dem Erfolg, dass beide nach 24 Minuten wieder aus dem Spiel waren. Dazu hat er Derdiyok verunsichert, nur um dann Frei vor den Kopf zu stossen, und dann hat er ihm ersteren wieder vorgezogen. Dumm. Hey! Ich fühle mich prächtig! Die Welt ist skandalgeil Oder warum höre ich nichts mehr über die Aschewolke, Schweinpest oder ähnlichen Katastrophen, welche bei mir ein Defizit im sechsstelligen Bereich generiert haben?

... ich muss ehrlich sagen, diese Ehrlichkeit tut einfach gut! Versuchen Sie es selbst. Doch aufgepasst: In der Schweiz ist es ziemlich verpönt, öffentlich die Dinge beim Namen zu nennen. Letzthin habe ich mir erlaubt, anlässlich der GV des Hoteliervereins nur eine Frage zu stellen. Sie war etwas kritisch, zugegeben, ja, ich habe ein Ding beim Namen genannt. Es endete in einer dreiviertelstündigen Rechtfertigungsrede. Also aufgepasst, sag’ ich mir nun. Doch nicht nur das, es gibt Dinge, die nenne auch ich Ding, weil sie zu beschreiben einfach ein Ding der Unmöglichkeit ist. Oder wie würden Sie auf die Frage antworten, warum es möglich ist, dass auf dieser Erde immer noch hunderttausende Menschen den Hungertod sterben? Wegen dem Ding, sage ich, meine aber ein anderes Ding als Lisa.